Was meinen Sie damit?
Stephan Welp: Historiker sind es gewohnt, sich tage- und wochenlang durch staubige Archive zu quälen auf der Suche nach Informationen. Durch die Digitalisierung wird man elektronisch per Suchfunktion darin stöbern können. Gerade haben wir zum Beispiel ein Spektralsystem ins Deutsche Bundesarchiv geliefert. Damit werden 87 Milliarden Dokumente, also etwa 1.000 LKW-Ladungen Papier aus den Jahren 1933 bis 1945 digitalisiert. Oder stellen Sie sich vor, die Urfassung des Koran könnte von jedem Menschen gelesen werden. Würde das unsere Welt verändern? Wie gesagt, wir leben in spannenden Zeiten?
Wo findet man Ihre Systeme überall?
Stephan Welp: In den Bibliotheken und Museen der Welt. Das beginnt beim Frankfurter Städel – denn auch die bildende Kunst setzt auf unsere Technik - und geht bis zur British Library in London oder der Nationalbibliothek der Vereinigten Staaten in Washington D.C. Alle großen Bibliotheken weltweit verwenden unsere Book2net-Scanner zur Digitalisierung ihrer Bestände. Aktuell sind etwa 6.000 Installationen von uns weltweit im Einsatz, allein rund 1.000 stehen in China, unserem stärksten Exportland. Dort werden damit neben Kulturgütern vor allem Gerichtsakten digitalisiert. Und auch die Tech-Giganten in den USA nutzen unsere Technik, um KIs mit Büchern zu trainieren.
Geht das alles automatisch?
Tim Welp: Bei industriell gefertigten Standardformaten: Ja. Knifflig wird es, sobald es um alte Bücher geht. Da gab es noch keine DIN-Formate oder einheitliche Grammaturen beim Papier. Die besten Ergebnisse beim Scannen erzielen dann Mensch und Maschine gemeinsam.
Was ist die Herausforderung dabei?
Stephan Welp: Man muss die konservatorischen Anforderungen der Bücher mit industrieller Produktivität verknüpfen und das bei höchster Qualität. Oft genug geht es tatsächlich schneller, wenn der Mensch die Seiten von Hand umblättert, gerade bei seltenen oder einzigartigen Büchern, die zum Beispiel nur mit Handschuhen angefasst werden dürfen. Aber auch dann schafft man ein komplettes Buch in einem Tag.
Wollten Sie jeweils gerne ins Unternehmen einsteigen?
Stephan Welp: Ich hatte andere Pläne, bin aber 1986 zu Microbox, weil es der Firma nicht gut ging. Ich war jung, glaubte ans Produkt, an die Firma und vor allem auch an die Mitarbeiter. Die Banken wurden entspannter und wie sich im Rückblick zeigt, war es die richtige Entscheidung.
Tim Welp: Als der Technikchef von Microbox überraschend verstarb kam ich durch mein Ingenieurstudium ins Spiel. Und mich reizte es, die Firma für das digitale Zeitalter fit zu machen und auch unsere Scanner-Technologie weiterzuentwickeln. Wir arbeiten bereits am Einsatz von KI in den Produkten und auch im Unternehmen selbst. Wir sehen KI als große Chance.